Text für die Pressekonferenz am 28.10.2019
im Rathaus zu Bad Segeberg

von Prof. Asmus Hintz (1.Vorsitzender Förderverein Kreis- und Stadtmuseum e. V.)

für die Vortragsveranstaltung
„Reichtum durch Kultur – Museum als kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung“
von Prof. Dr. Hans Wißkirchen
(Leitender Direktor Kulturstiftung Hansestadt Lübeck / die LÜBECKER MUSEEN)
(am 05.11.2019 im Bad Segeberger Rathaus/Bürgersaal)
Veranstalter: Förderverein Kreis- & Stadtmuseum Segeberg e. V.

Am Wochenende sprach ich mit dem Vorstand einer bedeutenden Stiftung aus Lübeck, die einen erheblichen Beitrag für die Sanierung der Marienkirche leistet, über unser Vorhaben, in Bad Segeberg ein kulturhistorisches Kreis- und Stadtmuseum im ehemaligen Höhlenkrug zu errichten.
„Das ist ja die Aufgabe der Politik!“ sagte er spontan und fügte hinzu: „In Lübeck wäre das kein Problem; das entspricht dem Geist des Bürgerschaftlichen Engagements, sich für Kultur und Bildung einzusetzen.“

Eine Gesprächspartnerin aus Bad Segeberg merkte daraufhin besorgt an: „Ja, rechnet sich das denn überhaupt, so ein Museum?“ – Unterschiedlicher könnten die Anschauungen nicht sein. Auf der einen Seite das Bewusstsein eines Lübecker Bürgers für das Postulat der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“, die 2007 veröffentlichte:

„KULTUR IST KEIN ORNAMENT. SIE IST DAS FUNDAMENT, AUF DEM UNSERE GESELLSCHAFT STEHT UND AUF DAS SIE BAUT. ES IST AUFGABE DER POLITIK, DIESES ZU SICHERN UND ZU STÄRKEN.“

und auf der anderen Seite die besorgte Frage aus Bad Segeberg, ob sich denn so ein Museum überhaupt rechnen könne.

Eine Bildungsinstitution wie z. B. ein kulturhistorisches Museum als außerschulischer Bildungsort ist kein Profitcenter, das kostendeckend oder gar mit Gewinn arbeiten müsste. Solche Einrichtungen sind seitens des Kreises und/oder der Stadt im Rahmen der kommunalen Daseinsfürsorge ebenso vorzuhalten und zu betreiben wie z. B. allgemeinbildende Schulen oder Kindergärten.

Wir brauchen ein professionell geführtes und gut ausgestattetes Kreis- und Stadtmuseum, weil die Kreisstadt Segeberg ein zentraler Standort für zahlreiche schulische Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft und der Trägerschaft des Kreises mit Tausenden von Schülerinnen und Schülern ist. Der gesellschaftliche Auftrag und die Notwendigkeit der kulturellen Bildung – insbesondere der Kinder- und der Jugendbildung – nimmt uns in die Pflicht, ein Kreismuseum zu betreiben. Museen bieten stimulierende Lernumwelten, können Interesse wecken und bieten neben Sinnstiftung und Orientierung durch die Beschäftigung mit Kunst, Kultur, Natur und Geschichte am realen Objekt Raum für selbstgesteuertes und emotional fundiertes Lernen.

Neben den klassischen Themen der Museumsarbeit mit museumspädagogischen Angeboten sowie Sonder- und Wechselausstellungen wollen wir uns besonders dafür einsetzen, dass das Schicksal der Jüdischen Gemeinde und deren Synagoge in Segeberg umfassend dargestellt und im Bewusstsein wachgehalten wird. Bis heute gilt es in Bad Segeberg eine historische Hypothek abzuarbeiten, denn:

Nach der brutalen Ausgrenzung missliebiger Segeberger (Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden u. a.) und der (Selbst-) Gleichschaltung bzw. Auflösung aller übrigen Vereine, Parteien und Gewerkschaften ab 1933 gliederte sich die Mehrheit der Stadtbewohner in die sogenannte „Volksgemeinschaft“ des „Dritten Reiches“ ein, sodass NS-Kreisleiter Werner Stiehr in der NS-Propagandaschrift zum 800jährigen Stadtjubiläum dreist behaupten konnte:  „(…) Wie einmütig Segeberg hinter dem Führer steht, beweist die große Vertrauenskundgebung vom 26. März 1936, in der es sich mit 35.093 Stimmen, also fast zu 100 Prozent, zu ihm bekannte.“

Aber: Auf der aktuellen Website der Stadt Bad Segeberg unter „Chronik/Geschichte“ findet diese für die Stadt bedeutsame und für die Jüdische Gemeinde folgenschwere Zeit keinerlei Erwähnung.
Obwohl der einleitende Text zu dieser Seite verspricht, die Entwicklung der Stadt Bad Segeberg von der Gründung der Siegesburg im Jahre 1134 bis in die heutige Zeit darzustellen, wird für die Zeitspanne von 1929 bis 1952 lediglich erwähnt: (…)

  • 1929: 1. Landesturnier der Reit- und Fahrvereine in Bad Segeberg.
  • 1934: Der Nationalsozialistische Arbeitsdienst (NSAD) beginnt mit dem Bau des Freilichttheaters als sogenannte Thingstätte.
  • 1937: wurde die Feierstätte im Rahmen der 800-Jahr-Feier Stadt Bad Segeberg mit dem Theaterstück „Die Schlacht der weißen Schiffe“ von Henrik Herse eingeweiht.

Gibt man auf dieser Website bei SUCHEN & FINDEN die Begriffe „Nationalsozialismus“, „Jüdische Gemeinde“, „Synagoge“ ein, ergibt das keine Treffer. Diese Geschichtsklitterung noch im Jahre 2019 (!) auf der aktuellen Website der Stadt Bad Segeberg ist zu korrigieren.

Kreis und Stadt Segeberg haben dringenden Bedarf an einem kulturhistorischen Museum, welches u. a. auch diese wichtigen Aspekte der jüngeren Geschichte umfassend aufarbeitet. Wie wichtig das ist, zeigt sich u. a. auch an dem Aufflackern neonationalsozialistischer Umtriebe dieser Tage in Kreis und Stadt.

Als wir in 2018 unsere Vision „2025 Eröffnung des Kreis- und Stadtmuseums Segeberg im ehemaligen Palais Wichmann“ verkündeten, wurden wir mit der kritischen Frage konfrontiert, wer das denn wohl bezahlen solle: „Woher kommt das Geld?“ Meine Antwort damals wie heute lautet: Das Geld ist kein Problem, das ist in ausreichendem Maße vorhanden. Man muss sich nur bemühen, die erforderlichen Gelder bei den entsprechenden Stellen zu beantragen.

Am 28.09.2019 auf SPIEGEL ONLINE äußert sich Olaf Scholz über ungenutzte Fördermilliarden: Bitte nehmt das Geld! … Der Bund will Milliarden investieren, doch ihm fehlen Interessenten: Olaf Scholz ärgert sich über nicht abgerufene Fördermittel. Jetzt will der Finanzminister die Richtlinien vereinfachen.“ In Deutschland bleiben jedes Jahr Investitionsmittel in Milliardenhöhe für Schulen, Straßen und Digitalisierung ungenutzt liegen. Das frustriert Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). „Das steigt von Jahr zu Jahr“, sagte der Vizekanzler gegenüber der „Rheinischen Post“. – „Inzwischen sind das im gesamten Etat mehr als 15 Milliarden Euro.“ Der Finanzminister rief Länder, Kommunen und Investoren auf: „Bitte nehmt das Geld!“ Es stünden genügend ungenutzte Investitionsmittel beim Bund bereit. Scholz kündigte zugleich an, die Entscheidungsprozesse zu vereinfachen, damit die Mittel leichter abgerufen werden könnten.

Kommen wir vom Bund in den Kreis Segeberg: Angesichts der Einnahmensituation rechnet der Kreis Segeberg bis 2023 jährlich mit Überschüssen im zweistelligen Millionenbereich (28,6 Millionen Euro sollen es 2023 werden). Der Zuwachs von Personalstellen von 664 in 2015 auf 990 in 2020 zeigt, dass Geld ausreichend vorhanden ist.

Für uns – ganz naheliegend – vermittelt z. B. die Aktivregion Alsterland (ein Zusammenschluss von Gemeinden und Ämtern der Kreise Segeberg und Stormarn) Fördermittel aus dem „Europäischen Landwirtschaftsfond für die Entwicklung des ländlichen Raumes“ (ELER). Das Ministerium für Inneres, ländliche Räume und Integration unterstützt ebenfalls entsprechende Projekte.

Am 03. Dezember 2019 werden wir im Ministerium für Inneres, ländliche Räume und Integration des Landes Schleswig-Holstein mit dem Leiter des Referats ländliche Entwicklung, Herrn Blucha, und Vertretern des Ministeriums für Wissenschaft, Bildung und Kultur in Beratungsgespräche eintreten.

Und erfreulicherweise, diese Information ist ganz aktuell:

Wir haben die Zusage von Klaus Schlie, Landtagspräsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages, mit sofortiger Wirkung die Schirmherrschaft für den Förderverein Kreis- und Stadtmuseum Segeberg e. V. zu übernehmen.

Die Entscheidung für ein Kreis- und Stadtmuseum liegt in der Verantwortung der Politikerinnen und Politiker des Kreises und der Stadt. Weder die Herrichtung des Höhlenkruges als Museumsort noch die notwendigen Personalstellen und die Kosten des laufenden Betriebes sind wirklich das Problem. Ich verweise noch einmal auf die Feststellung der Enquete-Kommission 2007:

„KULTUR IST KEIN ORNAMENT. SIE IST DAS FUNDAMENT, AUF DEM UNSERE GESELLSCHAFT STEHT UND AUF DAS SIE BAUT. ES IST AUFGABE DER POLITIK, DIESES ZU SICHERN UND ZU STÄRKEN.“

Wir bieten seit September dieses Jahres Fachvorträge aus dem Museumsbereich hier in Bad Segeberg an, zu denen wir alle Politikerinnen und Politiker sämtlicher Fraktionen des Kreises und der Stadt sowie alle Amtsleiter*innen und Bürgermeister*innen konsequent einladen, damit sie sich von hervorragenden Expert*innen über die Rahmenbedingungen und Konsequenzen für die Errichtung eines Kreis- und Stadtmuseums informieren können. Darüber hinaus habe ich allen Fraktionen, Städten und Gemeinden des Kreises angeboten, direkt zu ihnen zu kommen, zu informieren und mit ihnen zu diskutieren. Ich würde mich freuen, wenn von meinem ehrenamtlichen Angebot reger Gebrauch gemacht würde.

Wir verdanken es erneut den ausgezeichneten Kontakten von Nils Hinrichsen, dass wir am 05. November 2019 mit Prof. Dr. Hans Wißkirchen erneut einen herausragenden Fachmann gewonnen haben. Als Kenner der Lübecker wie der bundesweiten Museumsszene wird Herr Wißkirchen in seinem Vortrag „Reichtum durch Kultur. Museen als kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung“ aufzeigen, in welcher Weise die Hansestadt Lübeck durch ihre herausragende Museumslandschaft in der vielfältigsten Weise profitiert und zugleich beispielhaft auch im Hinblick auf das projizierte Segeberger Kreis- & Stadtmuseum auf Perspektiven für einen kulturellen wie wirtschaftlichen Hinzugewinn in Kreis und Stadt Segeberg eingehen.

Bad Segeberg, 28.10.2019

Prof. Asmus J. Hintz


 1  Die Zustimmung zum Nationalsozialismus setzte in Segeberg früh ein (Reichstagswahl 14.9.1930 = 40,6% NSDAP-Wähler im Kreis, Landtagswahl 24.4.1932 = 64,9%).