Amtmannhaus Segeberg

Vom Wohnhausnachfolger der Klostervogtei über das Amtsverwalterhaus zum Amtmannhaus des Segeberger Amtes und zum Sitz des Segeberger Landrats mit „Haus Segeberg“

Erfahren Sie hier mehr über die wechselvolle Geschichte dieses für Bad Segeberg bedeutsamen historischen Gebäudes.

Bereits auf der Flurkarte von 1775 ist das Amtmannhaus in einem umliegenden Grundstück beachtlicher Größe zu erkennen. Die Lage des Gebäudes – wie ein Gutshaus im heutigen Landratspark und inmitten der einstigen Ländereien des ehemaligen Augustinerstiftes (des sogenannten Klosters an der Marienkirche) – gab schon im 19. Jahrhundert Anlass zu der Vermutung, dass sich an dieser Stelle bereits das Verwalterhaus des Klostervorwerks befunden hat. Bauspuren im heutigen Amtmannhaus weisen darauf hin, dass hier – vielleicht schon seit dem 12. Jahrhundert – die Klostervögte des Augustiner-Chorherrenstiftes gewohnt und von hier aus auch das weitläufig umgebende „Klosterland“ verwaltet haben. Somit dürfte es sich bei diesem Grundstück um einen historischen Boden mit Wurzeln bis ins Hochmittelalter handeln!

Die These, dass an der Stelle des heutigen Amtmannhauses vormals ein bedeutender Vorgängerbau gestanden hat, wird durch zwei bauliche Relikte untermauert: So stammt einer der beiden „Rantzau-Steine“ (Rantzau-Stein VI) mit der Inschrift „70 HINRIC[US] RA[NZOVIUS] PRODUX CIMBRICUS“, eingemauert in der Stützmauer der Rantzaukapelle, aus dem Vorgängerbau der „Kloster“-Vorwerksanlage – etwa, weil Heinrich Rantzau nach Übernahme des säkularisierten Kirchenbesitzes im Jahre 1564 den Findling aus seinem neuen Grundbesitz beim Bau der Pyramide (1588) vermauern ließ? Ein zweiter Hinweis auf den bedeutenden Vorgängerbau an dieser Stelle ist dem Mauerwerk des Kellers im heutigen Amtmannhaus zu entnehmen: So besteht das Kellerfundament des heutigen Hauses nicht aus viereckig behauenen Felsquadern, wie es beim Hausbau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts längst üblich war.

Vielmehr ruht das Amtmannhaus auf wenig oder gar nicht behauenen, unregelmäßigen Natursteinen, deren Lücken bei der Zusammensetzung mit Ziegelbrocken in Kalk ausgefüllt wurden – wie etwa auch an der (älteren) Ostwand der Marienkirche zu beobachten. Dass der Keller älter als das darauf stehende Amtmannhaus ist, lässt sich auch an der Einteilung des Fundamentwerks ablesen, die nicht der Aufteilung der Räume des Erdgeschosses entspricht. So existiert an einer Stelle im Keller zudem ein Raum mit einem Tonnengewölbe, das seitlich eine Öffnung hat, die sehr wahrscheinlich von einer früheren Fensterlaibung herrührt. Diese Öffnung ist im Fels 1,65 m tief und mit einer davorgesetzten Fundamentwand des heutigen Hauses verschlossen.

Der Neubau von 1774 muss insbesondere im Segeberg des späten 18. Jahrhundert einen prächtigen Eindruck hinterlassen haben: So wird der dreiteilige Rhythmus des einstöckigen Baus unterstrichen durch einen hochgezogenen Giebel im Mittelbau sowie seitliche Abgrenzungen der Mitte und der Hausecken durch Rustikalverzierungen im Ziegelbau, wie sie nur an wenigen anderen Gebäuden Segebergs aus dieser Zeit vorkamen. Die wohlgegliederte Front gewinnt sehr durch eine ansprechende Reihung der Fenster, die in nur wenig vertieften Blenden sitzen. Als besonders „modern“ galt zur Erbauungszeit das ausladende Mansardendach, das „holländisch-gebrochene Dach“, wie es in der historischen Baubeschreibung heißt. Zur Eingangstür empor führen mehrere halbkreisförmig ausschwingende Stufen aus Granit. Im oberen Bereich der Tür sitzt ein Oberlicht mit einer integrierten Laterne zur Beleuchtung nach außen und in die dahinterliegende Diele mit ihrer zweiseitigen prächtigen Treppenanlage. Unter dem Mittelteil der Treppe führen drei halbkreisförmige Türen zum Fest- bzw. Gartensaal und in die davor liegende Garderobe.

Der dreifenstrige weitläufige Gartensaal mit seinem barocken Dekor und den halbrunden Nischen für die Majolikaöfen unter dem Rokoko-Stuckdekor der Decke war das Schmuckstück des Hauses. Im Obergeschoss hingegen gab es nur kleinere Zimmer, die sich um eine zentrale Diele lagerten. Als Besonderheit darf auch die gewaltige Dachkonstruktion gelten, die noch nicht aus schmal gesägten, sondern aus massiven Balken bestand; im oberen Dachgeschoss der Mansarde befand sich gar noch ein großes Windenrad, mit dem Kornsäcke und dergleichen auf den Speicherboden gezogen werden konnten. Die 6.000 Reichsbanktaler, die die Königliche Rentenkammer in Kopenhagen für den Repräsentationsbau im Gutshausstil verauslagt hatte, haben sich somit noch zu dänischer Zeit als „gut angelegtes Geld“ erwiesen, denn bereits über die nachfolgenden Jahrzehnte, bis zur Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen 1866/67, diente der repräsentative Bau als Wohnhaus des Segeberger Amtmanns mit Räumen im Erdgeschoss (Vorzimmer, Amtslokal und Aktenzimmer), die für die Amtsverwaltung vorgesehen waren.

Neben seiner jahrzehntelangen Verwendung als Verwaltungsbau empfahl sich das imposante „Amtmannhaus“ auch als standesgemäße Unterkunft; so residierte hier der dänische König Christian VIII. während seines Segeberg-Aufenthaltes 1840 anlässlich der Grundsteinlegung des neuen Lehrerseminars für Holstein. Und auch der Jurist und Dichter Theodor Storm hat bei seinen häufigen Segeberg-Besuchen das „Amtmannhaus“ – wohl oftmals in Begleitung seines Schwiegervaters, des Segeberger Bürgermeisters Esmarch – aufgesucht, denn der dänisch-königliche Amtmann Carl Wilhelm Ludwig von Rosen (1788 – 1853) – Amtmann des Amtes Segeberg von 1818 bis 1853 – war der Taufpate seiner Frau Constanze, geb. Esmarch.

Mit der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen und der nachfolgenden Inkorporation Schleswig-Holsteins als „preußische Provinz“ (1867) wurde nun das königlich-dänische „Amt Segeberg“ zum „Kreis Segeberg“ umgebildet. Im einstigen Amtmannhaus residierte fortan nicht mehr der (dänische) Amtmann, sondern der (preußische) Landrat, wodurch sich das ursprünglich einst als Wohnhaus errichtete Gebäude nun vom „Amtmannhaus“ zum „Sitz des Landrats“ gewandelt hatte.

Auch in dieser Funktion diente der Prachtbau der Verwaltungsspitze – nun des „Kreises Segeberg“ – über Jahrzehnte und überdauerte auch die Umwandlung der preußischen „Provinz Schleswig-Holstein“ 1946 in ein (Bundes-)Land, das weiterhin in „Kreise“ gegliedert blieb.

Bis 1959 diente das „Amtmannhaus“ dem jeweiligen Landrat nicht nur als Dienstsitz, sondern zugleich als Wohnhaus. Das änderte sich erst mit dem Segeberger Landrat Joachim Dorenburg (1959 – 1965), der mit seiner Initiative zur (erstmaligen) Sanierung des Amtshauses (Kosten: 240.000 DM) auch die Nutzung des Gebäudes als „Mittelpunkt kulturellen Lebens“ anregte.

Anzeige, Segeberger Zeitung vom 29.04.1964

Mit der Wiedereröffnung des Amtshauses 1964 als Sitz des Segeberger Landrats war darin zugleich die Einweihung des Hauses Segeberg als Stätte für Kulturveranstaltungen verbunden, denn mit der Aufgabe der Dienstwohnung im „Landratsgebäude“ konnten die freigewordenen Räume nun anderweitig genutzt werden. Die feierliche Einweihung des „Hauses Segeberg“ als „Haus der Begegnung“ fand in Gegenwart von Kreispräsident Hastedt, Landrat Dorenburg, Bürgervorsteher Dolling und Bürgermeister Kasch sowie weiteren Kreistagsabgeordneten nach einer Kreistagssitzung am 29. April 1964 statt. In den Ansprachen wurde auf der Einweihungsfeier der Sinn von Kultur- und Heimatpflege im Segeberger Raum herausgestrichen und es hätte nicht mehr viel gefehlt und das „Haus Segeberg“ wäre bereits in den 1960er Jahren die Keimzelle eines „Kulturellen Zentrums für Bildung, Kultur und Tourismus“ mit einem Segeberger Kreis- und Stadtmuseum geworden: Kreispräsident Hastedt jedenfalls bemerkte seinerzeit in aller Bescheidenheit: „[Noch] kein Museum, kein hypermoderner Bau, sondern eine gute Lösung.“ Und Landrat Dorenburg betonte: „Die notwendige Betätigung dieses Kulturwillens fängt im überschaubaren Bereich an.“

Das alte Amts- und Landratshaus sei immer ein Mittelpunkt geistig interessierter Menschen gewesen und würde nun allen offen stehen, die an der Weiterbildung und -gestaltung der geistigen Strömungen unserer Zeit mitwirken möchten. Während das „Haus Segeberg“, insbesondere der Gartensaal, künftig für Vorträge, Lesungen und Versammlungen unterschiedlicher Gruppen und Inhalte emsig genutzt wurde, erfuhr das kreiseigene Gebäude-Ensemble im Landratspark eine erste Erweiterung, nachdem der drohende Abriss der benachbarten Remise im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs abgewendet werden konnte. 1979 wurde der lange vernachlässigte Bau von ca. 1750, der im Laufe der Jahrhunderte als Pferdestall, Gartenpavillon, Wagenremise und zuletzt als Garage und Büro gedient hatte, von unserem heutigen Kuratoriumsmitglied Torsten Simonsen in behutsamer Weise (Kosten: 550.000 DM) saniert, sodass die kulturellen Aktivitäten des Kreises darin – zunächst u. a. mit dem Einbau eines Ausstellungs- und Versammlungsbereichs für die Aufnahme einer Außenstelle des Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte und der vor- und frühgeschichtlichen Sammlung des Kreises – weiter ausgebaut werden konnten.

Während sich die Remise als „KulturHaus Remise“ mit einem vielfältigen Kulturangebot von Veranstaltungen (Konzerte, Erzählungen, Theater), Ausstellungen (Malereien, Skulpturen, Installationen) und einer Artothek unter der Leitung des kreiseigenen Vereins für Jugend- und Kulturarbeit (VJKA) zu einem vielgenutzten Kleinod entwickelt hat, fand das „Haus Segeberg“ als Kulturstätte für die Öffentlichkeit zunächst wieder zu einem Ende: Seitdem stehen die Räumlichkeiten wieder ausschließlich im Dienst der Kreisverwaltung und der politischen Arbeit der Gremien.

Mit den Umstrukturierungen und Neubauten der Kreisverwaltung entstünde nun die einmalige Gelegenheit, das historische „Amtmannhaus“ gänzlich als Kultureinrichtung des Kreises nutzbar zu machen. Für das geplante „Kulturelle Zentrum für Bildung, Kultur und Tourismus“ mit einem integrierten Segeberger Kreis- & Stadtmuseum gäbe das Gebäude den angestrebten würdigen Rahmen mit historischer Relevanz ab, mit der sich zugleich die Lücke schließen ließe, die den Kreis Segeberg auf Landesebene nach wie vor kennzeichnet.

Nils Hinrichsen

Kulturelles Zentrum für Bildung, Kultur und Tourismus“, mit Kreis- & Stadtmuseum Segeberg