Palais Wichmann

Förderverein Kreis- und Stadtmuseum Palais Wichmann

Von der Kirchspielvogtei über die Höhlenkrug-Bäckerei zum Kreis- und Stadtmuseum

Erfahren Sie hier mehr über die wechselvolle Geschichte dieses für Bad Segeberg bedeutsamen historischen Gebäudes.

Nach dem Brand des Vorgängerhauses erbaute der Haus- und Kirchspielvogt Wichmann auf dem freigewordenen Doppelgrundstück in der Lübecker Straße das Palais Wichmann als geräumiges Wohn- und Amtshaus, das am Jahresende 1789 als fertig eintaxiert wurde.

Der klassizistische Schmuck verlieh dem prächtigen Neubau ein ganz besonderes Gepräge, mit dem es aus der Reihe der viel älteren (und ärmeren) Nachbarhäuser in besonderer Weise hervorstach: Die Hausecken zeigen derbe in Putz ausgeführte Rustikaleisten; aber es ist die Haustür, die ganz in dem neuen Kunststil gehalten ist. Die Seitenteile des Türrahmens sind in Holz geschnittene, kannelierte Pilaster. Das Oberlicht mit der Laterne ist vorhanden, wie es von jeher war, aber die Einteilung dieser Lichtöffnung scheint neu: Sie ist nur durch senkrechtes Stabwerk geteilt, was wiederum durch Ornamentik geraffter Tücher geschmückt ist. Über dem Oberlicht ist der Türrahmen gekrönt durch ein griechisches Dreieck, das ebenfalls in Holz ausgeführt und der oberen Mauerkante vorgelagert ist.

So bemerkenswert dieser Schmuck ist, so wäre das Baujahr 1789 sehr früh für den Klassizismus, zumal in der Kleinstadt. Die schöne hohe Fensterreihe gehört nicht zu diesem Baustil, auch die geschwungene Treppe und der in einer prachtvollen Schnecke gewundene schmiedeeiserne Handlauf könnte eher ins Barock gehören.

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der klassizistische Türrahmen eine Zutat aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ist, als das Ehepaar Magnus dieses Haus bewohnte. Frau Magnus – aus Kiel stammend – war eine geborene Wichmann, aber wohl nicht die Tochter des Kirchspielvogts Wichmann, wenngleich wohl eine Verwandte. Sie war verheiratet mit dem Senator und Bergkontrolleur Magnus und hatte das Unglück, dass im Jahre 1822 kurz nacheinander ihr Sohn, ein Medizinstudent, und ihr Gatte starben.

Frau Magnus war gewiss eine gebildete Frau und modernen Kunstbestrebungen zugetan, was sie auch bei anderen Baulichkeiten bewies – so z. B. dem klassizistischen Obelisken an der Marienkirche.

Nach dem Tode des Erbauers des Hauses, des Kirchspielvogts Wichmann, hatte zunächst der neue Besitzer, der Leutnant und Postmeister Theodorus Koch, in und vor dem Hause eine Poststation eingerichtet. Zu dieser Zeit hatte das Haus seinen höchsten Besuch. Als 1813 Napoleons Stern zu sinken begann, regten sich alle Mächte, die bei der bevorstehenden Neuverteilung Europas etwas zu gewinnen erhofften. Schweden hatte zuvor, als es mit Napoleons Hilfe Finnland zu erwerben gedachte, den französischen Marschall Bernadotte erbeten und diesen Mann zum Kronprinzen und Anwärter auf den schwedischen Königsthron ernannt. Nun war alles anders gelaufen: Schwedens Sinn war jetzt darauf gerichtet, von dem noch mit Napoleon verbündeten Dänemark Norwegen zu gewinnen. So hatte Bernadotte im Herbst des Jahres 1813 vor der Leipziger Schlacht den Oberbefehl der gegen seinen einstigen Kaiser aufgestellten Nordarmee vor Berlin übernommen. Wenn man auch Bernadotte vorwarf, er habe sehr vorsichtig und zögernd gegen die Armeen seiner früheren Landsleute operiert, so hatten doch die ihm unterstellten preußischen Generäle umso energischer bei der Vernichtung der französischen Heere mitgewirkt.

Es war Bernadotte gewiss sehr lieb, dass er nach der Leipziger Schlacht nicht mit nach Frankreich zu marschieren brauchte, sondern mit einem schwedisch-deutsch-russischen Heere sich nordwärts gegen Schleswig-Holstein-Dänemark wenden sollte, um die Flanke der westwärts ziehenden Heere zu sichern und zugleich die schwedischen Kriegsziele zu verwirklichen.

Fast den ganzen Dezember des Jahre 1813 hindurch lag das Hauptquartier dieser Armee in Segeberg, und der Oberbefehlshaber Marschall Bernadotte wohnte bei dem Postmeister Koch im Haus des ehemaligen Kirchspielvogtes Wichmann. In jenen Wintermonaten gingen hier wohl täglich hohe schwedische, russische und preußische Offiziere ein und aus.

Nach dem Postmeister Koch übernahm der Senator und Bergkontrolleur Magnus das Palais. Nach dessen frühem Tod übergab Frau Magnus es an den Kirchspielvogt Lange, übernahm es aber 1838 noch einmal für einige Jahre, um es dann 1841, wohl bei ihrem Fortgang aus Segeberg, an den Gastwirt Hinrich Fürstenberg zu verkaufen.

Damit kam das Haus erstmals in den Besitz eines bürgerlichen Handwerkers. Fürstenberg richtete hier 1847 zusätzlich eine Bäckerei ein. Es herrschte wohl fröhliches Leben an dieser Stätte, denn 1848 entstand außerdem eine Kegelbahn mit Kegelschreibstube, wie es das Brandkassenregister ausweist. Im Jahre 1871 ging das gesamte Anwesen an Christian Heinrich Sorgenfrey über, der unter dem Namen „Zum Kalkberg“ wiederum eine Bäckerei mit Gaststätte darin eröffnete. Nach der Entdeckung der Kalkberghöhlen (1912) wurde die Gaststätte in „Höhlenkrug“-Bäckerei umbenannt. Die Familie Sorgenfrey betrieb darin ihr Traditionsgeschäft bis in die sechste Familiengeneration.

Nach der Schließung der Bäckerei im Jahre 2017 entstand die einmalige Gelegenheit am historischen Ort – in der Segeberger Altstadt und am Fuße des Kalkberges – ein Vollzeit-Museum zu errichten, das maßgeblich den Tourismusstandort Bad Segeberg aufwertet und gleichermaßen einen außerschulischen Lernort für Tausende von Schülerinnen und Schülern erschafft. Neben der historischen Relevanz des „Palais Wichmann“ böte sich auf den ausreichenden Flächen des Altgebäudes und der ehemaligen Backstube die Gelegenheit für etliche museumsrelevante Nutzungen: siehe Vision 2025.